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08.06.2010 Joachim Gauck der „bessere Bundespräsident“?

Der frühere Rostocker Pfarrer Gauck ist ein Wanderer zwischen seinen Welten. Er passt so nicht in das traditionelle Puzzle der Politik. Der 70-Jährige ist vielmehr ein Prototyp eines Theologen, der es gewagt hat auf dem Boden der weltlichen Realitäten zu agieren. Erst in der DDR, später im neuvereinten Deutschland.

Als quasi oberster Verwalter des Stasi-Nachlasses galt ihm naturgemäß und automatisch eine besondere Popularität, vor allem im Osten. Die mediale Verwertung des Mielke-Erbes war so unweigerlich mit dem Namen Gauck verbunden. Und schon zu Lebzeiten hat er (s)eine Behörde bekommen, die man landläufig nach ihm benannte. Eine solche nachhaltige Öffentlichkeitswürdigung erscheint geradezu phänomenal. Das sind beste Voraussetzungen dafür, selbst aus dem Ruhestand heraus für diese oder jene Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Die Opposition wollte und musste mit einem raffinierten Schachzug jemanden präsentieren, der ihren Interessen populär zu pass kommt. Das ist Joachim Gauck unzweifelhaft. Von diesem Augenblick an verlor der Gekürte endgültig seine politische Unabhängigkeit – jetzt nun im Blick auf das Amt des Bundespräsidenten.

Außerdem: Der rot-grünen Opposition um Herrn Steinmeier und Herrn Trittin schien es völlig Wurst zu sein, was der Pensionär Gauck für sein Leben noch geplant hatte. Erinnern wir uns, dass der Buchautor unlängst in der gewohnten, vielleicht seelenruhig wirkenden Art seine Meinung zur Zukunft artikulierte: Er sei jetzt siebzig Jahre. Und: Es wäre armselig für eine Institution – welche er gemeint haben mag, blieb unklar –, wenn man Siebzigjährige reaktivieren würde. Einmal abgesehen davon, dass diese Äußerung schlichtweg als eine verbale Verletzung aller aktiven und rührigen Menschen in diesem Alter in Staat und Gesellschaft gesehen werden kann, war es eine klare Ansage für sich selbst.

Wer hat nun Joachim Gauck an der berühmten Ehre oder gar an der persönlichen Eitelkeit gepackt? Hochproblematisch erscheint nun eine aktuelle Aussage des Kandidaten: Er sei über das mediale Echo „verwirrt und glücklich“ zugleich!
Eigentlich müsste er es aus seinen eigenen langjährigen Erfahrungen doch am besten wissen, dass die Massenmedien den Angreifer lieber mögen und fördern als vielleicht den Kandidaten der Regierung. Letzterer sieht sich automatisch in der Rechtfertigungsrolle. Eine andere Chance bekommt Christian Wulff öffentlich nicht. Ich denke, mit dieser Position kommt der Niedersachse klar.

Glücklicherweise ist dank der kurzen Zeitspanne bis 30. Juni ein mühseliges und langweiliges Kaffeesatzlesen über den Wahlausgang nur von kurzer Dauer. Der Souverän bei der Präsidentenwahl ist die Bundesversammlung und kein Fernsehsender, kein Nachrichtenmagazin und keine Tageszeitung. Und das ist gut so. Es geht nicht nur um die Personen Wulff und Gauck, die miteinander fair umgehen. Es geht um das höchste Amt in unserem Lande, das uns alle repräsentieren soll. Die sechsjährige Ära Horst Köhlers hat gezeigt wie zerbrechlich dieses Amt machen kann. Dieser Warnschuss sollte in unseren Ohren noch lange nachhallen! Dass Joachim Gauck der bessere Bundespräsident sei, das ist eine krasse hypothetische Behauptung. Nur einer kann es beweisen, dass er unser Land klug und kämpferisch durch die Krisenzeiten geleitet.

Eines soll nicht vergessen werden: Der Bundespräsident hat nicht nur die Macht des gesprochenen Wortes. Nein. Er hat auch und in erster Linie die Autorität, Gesetze endgültig mit seiner Unterschrift in Kraft zu setzen oder seine Unterschrift zu verweigern. Das erfordert einerseits hohen Sachverstand und andererseits ein hohes Maß an Courage im Interesse der Menschen. Dem kann keiner der Bewerber ausweichen.

Als Abgeordnete des Bundestages gehöre ich am 30. Juni zur Bundesversammlung. Die Wahl des Bundespräsidenten ist bekanntlich geheim. Das möchte ich all denjenigen Bürgerinnen und Bürgern hier sagen, die mich derzeit mehr harsch als charmant auffordern - zum Teil mit nachvollziehbaren Argumenten, den Ostdeutschen Joachim Gauck zu wählen. Aber selbstverständlich darf jeder seine Wünsche und Meinungen zu den Kandidaten äußern.




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