









Dienstag, den 27. September 2011 um 11:25 Uhr
Fast jeder Satz wiegt Tonnen schwer. Papst Benedikt der Sechzehnte hat uns im Deutschen Bundestag in einer besonderen Weise überrascht. Darauf war niemand eingestellt, weder Freunde noch Gegner. Seine Ansprache war keine Botschaft in alle Welt, so wie wir es eigentlich vom Papst gewohnt sind. Es war vielmals ein Rufen in die Welt der Politik hinein und konkret in das Auditorium im Reichstag. Hätten das diejenigen gewusst, die am Nachmittag des 22. September dem Staatsgast ihre Ohren nicht öffnen und nicht anwesend sein wollten, wären sie möglicherweise gekommen und hätten zugehört. Fernbleiben ist keine Courage. Es ist eher Ignoranz und ungeschickt.
Was der Papst behutsam, mit ruhiger, professoral anmutender Stimme uns sagte, müssen wir erst einmal verdauen. Können und wollen wir die Ansprüche unseres Landsmannes Joseph Ratzinger in den Niederungen der Politik überhaupt erfüllen? Ich meine: Ja!
Dieser Ruf kam zur rechten Zeit. Noch deutlicher gesagt: Für diese Ansprache an die Politik war es höchste Zeit. Letztendlich war es eine deutliche Ansage, was Politik eigentlich leisten sollte und was sie eigentlich dafür benötigt: „Ein hörendes Herz“. Mein persönliches Fazit: Politik sollte keine Gewinn- und Verlustrechnung und kein Streben nach wirtschaftlichem Gewinn sein. „Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Voraussetzung für Friede schaffen“, sprach Papst Benedikt in einem ungewöhnlich stillen Plenarsaal. Welch’ große Worte!
„Dem Bürger Ratzinger sei dank!“ Diese euphorische Feststellung eines alt gedienten deutschen Journalisten und Intendanten kann ich nur dick unterstreichen.
Adressaten der Papstworte sind alle Volksvertreter und alle diejenigen, die in diesem Lande in Regierungsverantwortung stehen. Eine derartige Unterweisung wäre von den Bundesrichtern in Karlsruhe niemals zu leisten, wenngleich sie immer wieder - und gefühlt immer öfter - gefordert und angerufen werden, Kompass für uns Politiker, für die Regierenden und für die Gesetzgebung zu sein.
Wir stehen in diesen Tagen in Europa an einem Scheideweg. Unzählige Fragen konfrontieren uns in der Politik: Ist Europa nur noch ein Schuldenberg? Ist Europa nur ein gemeinsamer Euro? Ist unser Leitspruch in Europa - etwas übertrieben formuliert: „Keiner macht, was er soll. Jeder macht, was er will. Und alle machen mit“? Leben die weniger Sparsamen nur auf Kosten der Solidarität der anderen? Brauchen wir eine neue Disziplin der Nationalstaaten in der EU? Oder ist Europa doch noch etwas anderes? Eine tatsächliche Gemeinschaft mit tiefen christlich-jüdischen Wurzeln und einer gemeinsamen Kultur mit dauerhaftem Frieden?
Genau eine Woche nach der Ansprache von Benedikt XVI. entscheiden wir am 29. September im Bundestag, also im selben Raum, über den deutschen Beitrag zum Euro-Rettungsschirm. Tun wir das mit dem „hörenden Herz“ so wie es König Salomon seinerzeit für sich von Gott wünschte? Oder haben wir nur das Euro-Zeichen in unseren Augen? Zumindest hoffe ich, dass die philosophischen Lehrsätze des Staatsgastes und Landsmannes uns allen bei der schwierigen Abstimmung in den Ohren laut und deutlich nachklingen sollten.